Weltentscheidungstag

 

Zu später Stunde  ist man am kreativsten. Eine Weisheit, die leider nur bedingt stimmt, denn, wenn es darum geht, im Club eine Frau auf originelle Art und Weise anzusprechen, scheitern die meisten beschwanzten Kreaturen. Doch geht es darum, endlich schlafen zu wollen, schaltet das Gehirn sich seltsamerweise in den Kreativ-Modus. Neulich war wieder eine dieser Nächte. Ich dachte nach und hatte plötzlich die Idee, man sollte einen „Weltentscheidungstag“ ins Leben rufen. Mir schwebte ein Tag vor, an dem die hohen Tiere unseres Planeten sich versammeln würden und unbürokratisch und effizient über die Dinge entscheiden würden, die unser Leben unauffällig, aber dennoch erheblich vereinfachen würden. 

Das Problem der Vielfalt schleicht sich schon früh in unsereiner Leben ein. Spätestens an dem Tag, an dem man stolz wie Oskar das erste mal als Cowboy oder Polizist an Karneval die Straßen unsicher macht. Ich war 5 Jahre alt und - weiß Gott -  ich war stolz auf meine schicke Cowboytracht aus billigem Kunstleder. Das Beste an ihr war der Revolver. Er konnte mit einer imposanten Lautstärke 8 Schuss nacheinander abfeuern. Ich war der König des Schulhofes, bis meine Munition ausging, aber das sollte kein Problem sein,denn Peter aus der Parallelklasse besaß ebenfalls einen Spiezeugrevolver. Ich fragte ihn, ob er mir ein paar seiner Patronen abgeben könnte und er willigte sofort ein. Hier begann das Dilemma, das sich bis heute wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Peter hatte 12 Schuss Munition. Mühsam zerschnitt ich seine 12 Schusspatronen in feinster Kleinarbeit und lud meine Pistole nach. So brauchte ich 13 Minuten für mickrige  8 Schüsse meiner geliebten Pistole. Später wusste ich: mit Spielzeugmunition fängt es an. Mit PDF-Dateien endet es.


So viel zu entscheiden !

 

 

Wir sind zu einer Konvertier-Gesellschaft konvertiert. „Soll ich mir Tigertext oder What´s App auf meinem Smartphone installieren?“ So, oder so ähnlich geht es uns heutzutage oft, denn wir werden überschüttet mit Möglichkeiten und Varianten für ein und den selben Vorgang. Meistens melden wir uns dann bei beiden Portalen an, was soviel bedeutet wie: Wir geben unsere Daten an doppelt so viele Firmen und wir verbringen mehr Zeit mit Anmeldungen, als Jopi Heesters mit Leben. 

Betriebssysteme schießen aus dem Boden wie Pilze. Nein,  schlimmer: Betriebssysteme schießen aus dem Boden wie Kinder aus Ursula von der Leyen. Eine große Verwirrung entsteht. Um diese immense Verwirrung aufzulösen,  träume ich von einem Weltentscheidungstag. Man könnte entscheiden, ob Safari oder Mozilla von nun an benutzt werden soll, Myspace oder Twitter, eckige oder runde Kaffeepads, jpg. oder bmp. - Dateien und so weiter und so fort. Je mehr ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir meine Idee und ich beschloss gleich morgen bei der EU anzurufen und dort mitzuteilen, dass ich die Lösung für all ihre Probleme hätte. Aber dann fiel mir auf, dass ich anscheinend unser gesamtes Wirtschaftssystem außer Acht gelassen hatte. Denn ist es nicht die Vielfalt, die unserer Wirtschaft unglaubliche Gewinnsummen einfährt? Wie viele von uns besitzen ein Gerät, das es uns ermöglicht,  unsere alten Schallplatten zu digitalisieren? Es sind vermutlich einige und die wenigsten von ihnen werden ihre Schallplatten digitalisiert haben.  Stattdessen kaufte man sich einen Napster-Account und downloadet von nun an unbegrenzt viel Musik für nur 9,99 monatlich. Was ich damit sagen will,  ist nicht, dass das Napsterangebot gut oder schlecht ist. Ich will damit sagen, dass wir uns viel Zeugs zulegen, das entweder genau dieselbe Eigenschaft hat wie ein Gerät oder ein Programm, das wir bereits besitzen. So sind wir für die Wirtschaft ungeheuer gewinnbringend. 

Es wäre langweilig,  wenn die Konkurrenz und die Vielfalt,  die sie mit sich bringt,  wegbrechen würde. Wir würden alle wieder Trabbi fahren und dieselbe uns vom Staat vorgeschriebene Literatur lesen. 

Klar ist es frustrierend,  wenn man sich einen HD-Video Player gekauft hat und  sich kurz danach Blu-Ray als neues Abspielformat durchsetzt, doch wir dürfen nicht vergessen:  es sind die Vielfalt und die Konkurrenz, die uns kreativ und interessant machen. 

Wir alle würden nach einiger Zeit das dringende Verlangen danach haben, ein Pages Dokument zu Word zu konvertieren, um es schließlich als PDF Datei exportieren zu können. 

Abschließend kann man getrost sagen: ja, nachts ist man kreativ, aber das nächste mal bitte doch wieder im Club. 

 

Foto und Text: Jan Werum

Weltentscheidungstag fertig.pdf
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