Stippvisite nach Berlin

Ein Tag in der wohl umstrittensten Stadt der Republik


„Goddammit,  ist es kalt!“ Das war alles, was ich dachte, an jenem grauen Morgen. Die Scheiß- Klimaerwärmung ist auch nicht wirklich das, für das sie ständig angepriesen wird. Plötzlich fiel mir ein weiteres Goddammit aus dem Mund, da mir einfiel,  dass am heutigen Tag Wahlen seien. Na ja, vielleicht war es sogar besser, dass ich nicht wählen konnte, denn meine Stimme wäre vermutlich an eine Partei gewandert, welche sich gegen den Klimawandel stark macht und das konnte ich an diesem Morgen weiß Gott nicht vertragen. Nur langsam kämpfte ich mich durch das am Hauptbahnhof rumlungernde, besoffene Fußvolk in Richtung meines Gleises.

Es war immer noch verflucht kalt und viel zu früh. Die Anzeigetafel gab mir höflich zu verstehen, dass mein Zug acht Minuten später kommen würde. Ich war verwundert über eine so präzise Angabe der Deutschen Bahn. Nach zwanzig vergangenen Minuten wich die Verwunderung  blankem Hass gegen das Grube-Imperium. Endlich kam der Zug; ab jetzt konnte es nur noch besser werden. Der Zugführer schien meinen Gedanken der Besserung gelesen zu haben, denn anders ist seine Durchsage kurz vor Frankfurt am Main Hauptbahnhof, meine erste Aufmunterung des noch so jungen Tages, nicht zu erklären. Anscheinend um nicht das typische Bahn-Klischee zu erfüllen und zu sagen „thank you for travelling with Deutsche Bahn“, sagte er „thank you for choosing Deutsche Bahn“, wobei er das „choosing“ eine Nuance zu sehr betonte und es dadurch nur noch kultverdächtiger wurde. 

 

 

 

Als ich dann in Frankfurt trotz Verspätung noch meinen Anschluss nach Berlin erreichte, wusste ich: es konnte nur besser und besser werden. Und das wurde es!

Genüsslich fläzte ich mich in meinen Stuhl und genehmigte mir Waffeln und einen großen Schluck meines Mango Eis-Tees. Der Appetit verging mir allerdings schnell, denn ich hatte den stupiden Fehler begangen, das Etikett näher zu inspizieren. Zu lesen war, “ 8 Frischeiwaffeln mit 32% Prozent frischen Eiern“. Es war nicht nur die zweite peinlich genaue Angabe des Tages. Es war auch das Aus für meine Begierde nach Waffeln, denn ich musste die ganze Zeit daran denken,  in welchem Zustand die restlichen 68% der Eier waren . Bestand der Rest dann aus Pestizid-Eiern?

Auch die Inhaltsangaben sorgten nicht für Aufklärung. Kosten die Waffeln deswegen nur 49 Cent? Ich beschloss, sie beiseite zu legen und mich ein wenig abzulenken, was mir natürlich nicht gelang, da mein Kopf an einem in ICE´s üblichen „DB Kopftuch“ lehnte, von dem ich nicht wusste, wann oder ob es jemals schon mal gewaschen worden war. Na ja, nun wusste ich immerhin, wo Thilo Sarrazins Ablehnung von Kopftüchern herkam.

Schlafen konnte ich natürlich nicht! Zum Glück war es die Nacht nach der Zeitumstellung und so hatte ich noch eine Stunde weniger zum Schlafen gehabt, sagte ich zynisch zu mir selbst. Der neue Zugfahrer war nicht lustig. Er sächselte nur ein wenig. Er blieb von meinen dummen und zumeist unlustigen Sprüchen verschont, da ich mir vorgenommen hatte,  am heutigen Tage in einer multikulturellen Stadt wie Berlin keinerlei Witze über ethnische Minderheiten  zu machen und dazu zählten sogar auch die Sachsen. Solch einen Pakt mit sich selbst schien der bis dato so zurückhaltend wirkende Däne eine Reihe vor mir nicht zu haben. Mit einem perfekten sächsischen Akzent trompetete er durch den ganzen Wagon „  dönn bloß mir doch eunen du schlampö“. Es erstand einer der skurrilsten Momente, die ich je miterleben durfte. Alle Passagiere drehten sich um und guckten ihn verdutzt und teilweise sogar böse an. Als ob das noch nicht genug Bestrafung für den Dänen gewesen wäre, zog seine Frau auch noch ihren Ehering aus und warf ihn vor ihm auf den Boden, nahm ihre Jacke und verschwand in den nächsten Wagen. 

Als sich die Lage wieder beruhigt hatte, widmete ich mich der „Mobil“, deren Titelseite die dauergrinsende Lena Meyer Landrut zierte. Kurz bevor ich mich zum Ende des Interviews durchgefochten hatte, begann die Stunde des Eis-Tees zu schlagen. 

Also machte ich mich auf den Weg zur zugeigenen Toilette. Der Zug fuhr 300km/h und ich konnte nicht pinkeln, ohne zuvor in den Spiegel zu schauen und zu sagen „Hey, I am Johnny Knoxville and this is the 300 kilometers piss“. Es bedurfte einiger Körperbeherrschung,  bei 300km/h im Stehen zu pinkeln. Ich wusch mir die Hände und trocknete sie mit Papier. Es war einlagig! Meine Theorie ist, dass einlagiges, für die Hygiene bestimmtes Papier direkt aus der Hölle importiert wird. 

Endlich war ich angekommen in Berlin. 



 

Der Berliner Fernsehturm im Stadtteil Mitte. Mit 368m das höchste Gebäude Deutschlands. Von mir hektisch und etwas schräg beim Umsteigen von U- zur S-Bahn fotografiert.  

 

 

Man merkt schnell, dass man in Berlin ist. Leider merken auch die Berliner Obdachlosen sehr schnell, dass man nicht aus Berlin ist! Im Nullkommanix hat man ein halbes Dutzend von ihnen um sich stehen, die allesamt um etwas Kleingeld bitten. Sie wissen genau, dass man anders als ein Einheimischer schlecht „nein“ sagen kann. So erging es auch mir und ohne auch nur 5 Minuten in Berlin gewesen zu sein, war ich schon wieder 3 Euro ärmer.

Ohne Stadtplan oder auch nur den Hauch einer Ahnung machte ich mich auf den Weg. Die Massen trugen mich zur U-Bahn-Station der Linie 55. Plötzlich waren keine Menschenmassen mehr um mich herum. Nur ein paar verirrte Touristen, die wie ich im U-Bahn Schacht der U55 gestrandet waren. Die U-Bahn hat bisher nur 3 Haltestellen und ist in etwa so gewinnbringend wie Franjo Pooth . Sie fährt planlose Touristen wie mich vom Hauptbahnhof zum Kanzleramt und dann auch schon zu ihrer Endhaltestelle, dem Brandenburger Tor. Die „Kanzler-Bahn“ hat für das kurze Teilstück(1,8km!) bisher bereits geschätzte 320 Mio. gefressen und ein Ende des Verpulverns  bis zur endgültigen Fertigstellung ist nicht in Sicht. Somit ist die U-Bahn in etwa so gefrässig wie Rainer Calmund und Stuttgart 21 zusammen.


Das gute,alte,ehrwürdige Brandenburger Tor. ich blieb nicht lange bei ihm. Nicht mal aus Zeitdruck, sondern viel mehr aus schlechtem Gewissen. Das Brandenburger Tor hat so eine große politische,geschichtliche und symbolische Macht und ich war nicht Wählen gegangen. Ich war jetzt einer von den Bösen. Ich war jetzt wie eine Fusion von Draco Malfoy und Voldmort. Mein Zuhause war nicht mehr die Winkelgasse mit dem wunderschönen Brandenburger Tor. Ich war einer dieser Verzweifelten die Mittags immer bei RTL oder wahlweise auch ganztägig bei RTLII über die Mattscheibe flimmern. Ich wär ein Asozialer und gehörte in die Nokturngasse.

 

 

Fotos Berlin

 

 

 

Stippvisite nach Berlin
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