McBeth im Sparmenü

 

Die Hände taten ihm weh vom vielen Schreiben. Seine Augen würden bald zufallen und er in seinen wohlverdienten Schlaf versinken. Doch plötzlich riss es ihm entsetzt die müden Augen auf; die Lethargie war wie weggeweht. Was war das?  „Macbeth“ geschrieben, als sei es eine Speise aus McDonalds 1x1 Menü: „McBeth“ ! 

Sein erster Gedanke: „Shakespeare dreht sich gerade erbost in seinem Grab um“. Wie er da so saß mit seinem runzeligen, verbrauchten, vom Leben gezeichneten Gesicht, so schien es, als wäre auch er dem Grabe näher als ihm lieb sei. 

„Wie ein Burger“ resümierte er wütend in den leeren Raum. Doch bevor er ernsthaft in Rage geraten konnte, kapitulierte er vor der Resignation, die ihn wie ein unsichtbares Band zu umschlingen schien. War er zu alt mit seinen 78 Jahren, um jungen, unerfahrenen Schülern die englische Sprache beizubringen?  Waren seine Methoden zu altmodisch? Seine Vorstellungen von einem gelungenen Unterricht zu obsolet, zu abwegig in einer Zeit voller i-Pads und Q-Tips? 

 

2 Wochen und 3,5 Kilometer weiter südlich: Blankes Entsetzen des Schülers, gepaart mit ratlosem Kopfschütteln. Wie hatte es soweit kommen können? Wie viele Synapsen hatten sich am Tag der Klausur Urlaub genommen, damit ein derartiger Schlamassel hatte entstehen können? „Eine Cola, einen McBeth, ne Pommes und Mayo zum mitnehmen“, murmelte er zynisch vor sich hin. Im nächsten Moment wich der Ärger und seine Mundwinkel begannen in einem so rasanten Tempo empor zu steigen, dass es einen Reinhold Messner hätte erblassen lassen. Herzhaft und mit den Dezibel eines startenden A380 begann er über seine eigene Dummheit zu lachen. Wie konnte man nur so dumm sein, eine der wichtigsten literarischen Figuren derart falsch zu schreiben? Hatte er am Tag der Klausur Hunger gehabt? Hatte die amerikanische Schnellverfettigungskette an jenem Tag eine Couponsaktion gestartet? Er wusste es nicht mehr. Niagarafallartig strömten die kalten Schweißperlen über seine glänzende Stirn, denn er würde nicht drumherum kommen auf die nächste Seite zu schauen, auf der die Note stehen würde. Ruckartig und mit allem Mut blätterte er auf die letzte Seite: 11 Punkte ! 11 Punkte trotz falsch geschriebener Hauptfigur, die zudem Titel der ganzen Klausur war. Seine bis dato beste Englischklausur! Glücklich lehnte er sich zurück und nun fiel es ihm ein: Neulich hatte er in seinem anderen Leistungskurs (Geschichte) Ex-Kanzler von Papen zu „Von Pappe“ gemacht und dafür 12 Punkte bekommen und eine höhnische „Brüller“ Randnotiz von seinem Geschichtslehrer eingeheimst. 

 

 

13 Jahre voller mehr oder weniger gerechtfertigter Noten und nun hatte er das System hinter dem Ganzen verstanden! Es war so simpel wie genial. Lernen war gestern. Es bedurfte einzig und allein einer falschen Schreibweise für wichtige Hauptprotagonisten oder Orte. Voller Elan beschloss er gleich morgen in Geschichte ein fettes Adiolf Schitler an die Tafel zu krakeln und seinem Mathelehrer mit dem Satz des Pytagogyros weiter zu helfen.   

Auf N24 heißt es immer: „ Unglücke sind eine Kette von unglücklichen Umständen“, doch heute war es keine Kette. Aber der Reihe nach. In der Schule angekommen, schrieb

er in einem fiesen Piss-Gelbton ein überdimensioniertes „ Adiolf Schitler“ an die noch leere Tafel und unterschrieb mit seinen Initialen. Dieser Akt würde seine mündliche Note in die Höhe katapultieren. Ob der Plan hätte funktionieren können, wird nie jemand herausfinden. Forscher werden sich in 20 000 Jahren vielleicht den Kopf über die Notenvergabe zermartern, doch wird ihnen - wie mir auch -  nicht klar werden, ob ein „Adiolf Schitler“ Einfluss auf eine Note haben kann. Denn es war so: Um 8.15 Uhr erschien eine schmale, kleine Frau, die sich als externe Prüfungsbeauftragte vorstellte. Sie nahm ihren Platz ein und begann neugierig in der Klasse herum zu schauen. Abrupt und plötzlich blieb ihr Blick an meiner Aufschrift an der Tafel hängen. Man spürte, dass sie angespannt wurde. Hektisch reckte sie ihre Hand und wurde sogleich von meinem Geschichtslehrer drangenommen. „Wer ist J.W.? Und wer sein Deutschlehrer?“ Stolz wie Oskar meldete ich mich zu Wort, um zu bestätigen, dass es sich bei mir um Jan Werum handelte und korrigierte sie, nett wie ich bin, dass ich eine Deutschlehrerin hätte. Sie begann mich aufs Bitterste anzufunkeln und sogar ich verstand, dass es sich hierbei nicht um einen Flirt mit einer älteren Dame (Anti-Milf) handelte, sondern dass meine Abiturzulassung gerade ernsthaft auf der Kippe stand. Frau Hagen bat meinen Lehrer um ein fünfminütiges Gespräch unter 4 Augen. Als sie zurück kam, brachte sie mir weder Gold, Weihrauch noch Myrrhe, sondern nur die Nachricht, dass ich von nun an jeden Tag zwei Sonderstunden Deutsch hätte. Würde ich nicht partizipieren, würde sie mir meine Abi-Zulassung entziehen.

Sechs lange Wochen hatte ich täglich zwei Zusatzstunden Deutsch. Mein Englischlehrer machte sich mittlerweile keine Sorgen mehr über seine Lehrtaktiken, denn Tom Sawyer schrieb ich richtig und bekam 9 Punkte. Mein Mathelehrer blieb von Pytagogyros verschont und Frau Hagen bekam nach meinem mit 1,2 bestandenen Abitur einen schönen Brief -  adressiert an „Frauh Hagän“, in dem ich mich ganz herzlich für die Pisa-Sonderbehandlung bedankte und ihr alles Gute wünschte  für ihre Zukunft. Schließlich wäre sie mein großes Vorbild, denn sie hätte mir gezeigt, dass es keines Abiturs bedarf, um ein Arschloch zu sein. Darunter setzte ich ein schönes „Jahn Wäroum“. 

 

Bilder und Text: Jan Werum