Letztes Weihnachten

 

Das letzte Weihnachten meines Lebens. Unseres Lebens. Denn am 22. Dezember 2012 hat der Spaß ein Ende, glaubt man dem Maya-Kalender. Denn die Maya, Mayanesen, Mayosen, Mayagonies hegen und pflegen die alte Lebensweisheit: “Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“. 

Wer auf dem Weihnachtsmarkt war und sich einen überteuerten, halben Meter Bratwurst gegönnt hat, der glaubt das gerne. Ein halber Meter ist auf dem Weihnachtsmarkt erschreckend kurz. Fakt ist die Wurst wurde trotzdem gekauft, denn viele Männer freute es, dass ein halber Meter „doch nur so wenig“ ist und hielten sich die Bratwurst mit einem süffisanten Lächeln in den Schritt, wobei sie stets zu ihrem weiblichen Anhang murmelten: „Schatz, wenn das ein halber Meter ist, dann bin ich ja afrikanischer Abstammung“. 

Ich habe dieses Jahr das Internet für mich entdeckt und bereits alle Geschenke geordert. Wenn Weihnachten so entspannt funktionieren kann, dann zerstöre ich liebend gerne den immer depressiven Einzelhandel. Weihnachten ohne Panik und N24 Countdown… ich könnte mich glatt daran gewöhnen.  

„Das grenzt ja fast an Langweile“, denke ich mir und mache mich auf in die Küche, die meine Schwester seit nun zwei geschlagenen Tagen mit Plätzchenbacken belagert. Da soll noch einmal jemand sagen, die Besetzung der Alliierten im Ruhrgebiet 1923 hätte genervt. Sicher ist nur meine Schwester ist eine deutlich größere Belastung für ihr Umfeld, wie sie dort sitzt und pfeifend ihre Zimtsterne formt. 

 

 

Aus Angst, dass ihre gute Laune auf meinen Gemütszustand überschwappen könnte, erzähle ich ihr frauenfeindliche Witze, um die Stimmung zu senken. Meine Anti-Alice-Schwarzer-Witze scheinen sie jedoch wenig zu stören, also beschließe ich ihre nun Backkunst zu kritisieren und eile umher, um Angriffspunkte zu finden. 

Schließlich finde ich einen nassen, einsamen Spüllappen an einem Ort, an dem er nichts verloren. „Haaa, jetzt ist sie und ihre gute Laune dran“, denke ich mir und sage: „Ey, du was macht’en der Spüllappen da?“ Ich bekomme eine kurze und knappe Antwort: „Der muss sich noch ein bisschen auswringen“. Verdammt, jetzt hat sie mich am Wickel. Gespannt warte ich Minute um Minute vor dem Spülbecken darauf, dass der Spüllappen emporsteigt, sich in sich selbst verdreht und sich auswringt. Nichts passiert. Nach fünf Minuten beginne ich ernsthaft daran zu zweifeln, dass es sich bei meiner Schwester um Hermine Granger handelt und wende mich enttäuscht vom Spülbecken ab. 

 

Ich glaube, sie macht das mit Absicht. Sie erfindet neue Worte und verdreht bewusst Sätze, um mich zu verwirren, damit sie ihre Ruhe vor mir hat, denn sie weiß genau, dass ich mich stundenlang mit falschen Sätzen und Wortspielen aufhalten kann. 

Alles begann vor einigen Jahren im Italienurlaub, als sie stolz berichtete, dass sie die Brötchen auf italienisch bestellt hätte und die Bäckerei mit gehobener Brust und  geschwollenem Haupt verließ. Seit dem Tag ist es ihr Hobby geworden, ihr nahstehenden Personen mit ihren Sätzen zu verwirren. Manche Menschen streuen Salz in Wunden. Meine Schwester streut Neologismen in Wunden. 

Plötzlich entweicht mir ein seltsames Körpergeräusch und weckt mich aus meiner Lethargie und dem Philosophieren über selbstauswringende Spüllappen. Meine Schwester scheint das Geräusch auch vernommen zu haben und lacht. Wir versuchen das Geräusch zuzuordnen und finden schließlich einen gemeinsamen Nenner. „Ich bin eine Sumpfratte in der Brunftzeit“. Ich versuchte das Geräusch zu wiederholen und es gelingt, doch endet es in einem ganz fürchterlichen Husten. 

Nun ist ihre gute Laune endgültig bei mir angelangt und ich würde sie eigentlich dafür hassen, hätte ich nicht gerade so gute Laune. Sie hatte es geschafft. Sie hatte mich mit ihren Weihnachtstentakeln in den Bann der Weihnacht gezogen. Was folgte, waren einige weitere Rattenorgasmen und fröhliches Weihnachtsliedersingen. 

So sehr ich Weihnachten auch hasse, irgendwie wäre es auch schade, wenn die Maya, Mayanesen, Mayosen, Mayagonies Recht behalten würden. Falls sie aber Recht behalten sollten, wünsche ich mir auf meinem Grabstein einen fetten Schriftzug in Neogrün mit den Worten: Er starb an einem Sumpfrattenorgasmus.

 

Nach dem Lesen dieser Geschichte empfahl mir meine Schwester, bei Google „let it snow“ einzugeben. Google packte die Schneekanone aus und ich war wiedermal  für den Rest des Tages stillgestellt. 

 

Text und Bilder: Jan Werum