Lebemann

 

„Jetzt müsste ich noch kurz ihren Hintern sehen“, sagte der Doktor. Natürlich hatte ich heute meine eigentlich schon längst aussortierte Boxershort an. Sie hatte ein buntes Muster, wie eine mexikanische Tischdecke, in einer überaus ranzigen Tacobar irgendwo im tiefsten Mexiko. Ich zog sie hinunter. Nach zwei Sekunden sagte der Mann im weißen Kittel, „ist gut“. Ich war nicht sicher was bedeutete. Gut als Synonym für kein Hautkrebs am Allerwertesten, oder gut im Sinne von gute, massive Arschbehaarung.

Aber der Reihe nach. Es ist Dienstag. Wie jeden Dienstag drücke ich die Schlummertaste auf meinem IPhone, obgleich ich wusste, das die Funktion schon seit Wochen nicht funktioniert. Resultat der Aktion: Ich schlummere noch eine weitere Stunde, wie Steve Jobs, nur oberirdisch. Kurz vor Acht. Ich schrecke auf, in zehn Minuten würde die Uni beginnen. Schlaftrunken und ebenso demotiviert wanke ich ins Bad. In der Dusche betrachte ich, das erste mal seit Wochen, meine Füße. Ganz schön hässlich so Füße. Besonders meine Hobbitwatschen. Noch bevor ich darüber nachdenken kann, warum es Fußfetischisten gibt, fällt mir ein hässlicher, brauner Fleck auf. Panik überkommt mich. Hautkrebs das ist die Rache für Lichtschutzfaktor Sechs.

 

 

Ich springe aus der Dusche und macht ein Selfie von der braunen Fläche. Gut ganz so groß wie Sachsen ist sie nicht, aber auch braun. Schicke meiner Freundin das Bild und bitte Sie mich zu beruhigen. Anstatt mich zu beruhigen, empfiehlt sie mir einen Hautarzt und stammelt, „das sieht wirklich nicht gut aus“. Ich verfalle immer weiter in Panik und würde gerne eine rauchen, aber nun habe ich Krebs und da ist Rauchen ein absolutes No-Go habe ich mir sagen lassen. Also greife ich nach Zettel und Stift um meine letzten Wünsche zu Papier zu bringen. IMac bekommt mein Bruder. Viel Spaß mit der alten Apfelkiste. Apropos Äpfel, wer erbt die eigentlich? Die Sache mit dem Sterben wird mir zu kompliziert. Schicke meiner Mutter das Foto, mit der Bitte, dass Sie mich wieder in Einklang mit meinem Karma bringen möge. Lange Rede kurzer Sinn: Sie denkt auch, dass meine Tage gezählt sind.

Panisch rufe ich den erstbesten Hautarzt an. Also Erstbester heißt in dem Fall, der der eine besserer Note als 4.0 von den Online-Usern erhalten hat. Mein Problem mit Online-Bewertungsportalen für Ärzte besteht darin, dass ich immer nur in der Spalte Unterhaltung schaue und dann die Praxis verweigere, wenn nicht die aktuelle Ausgabe der Auto Motor & Sport ausliegt.

Die nette Dame, am anderen Ende der Leitung, bietet den nächstmöglichen Termin im April an. Meine Synapsen tanzen. Das sind noch vier Monate bis dahin. Ich brülle, „gute Frau ich habe Krebs“ und lege auf.

Ich rauche eine. Das fühlt sich gut an so ein bisschen Patrick-Swayze mäßig an. Irgendwie cool.

Kurz danach bin ich wieder im Hier und Jetzt angelangt und hänge am Hörer. Ein slawische Stimme raunt mir ins Ohr, „kommen Sie einfach vorbei, gar kein Problem“. Ungläubig frage ich, „jetzt“?

Über einem schäbigen Copyshop befindet sich die Arztpraxis, deren Einrichtung wie eine Zeitreise in die 70er Jahre wirkt. Nun folgt die bereits beschriebene Po-Szene mit dem Herrn Doktor. Zu meinem Fleck am Fuß sagt er nur, dass es sich lediglich um eine Blutung vom Sport handle. Erleichtert verlasse ich die Praxis, nachdem ich rekonstruieren konnte, dass ich tatsächlich vor einigen Wochen Sport getrieben hatte. Würde ich jetzt auch wieder öfter tun, denn meine Arschkomplexe waren riesig an diesem beschissenen Dienstagmorgen.

 

Text und Foto: Jan Werum