Ich bin dann mal off

 

Zehn Tage ohne Telefon, Computer, Fernseher und Musik. Ist das noch machbar in unserer digital durchgetakteten Gesellschaft? Ein Selbstversuch.

 

Ribery, Robben, Robben, Robbeeeen. Das ist das Tor ausgerechnet Robben. 2:1 für die Bayern.“ Ich drücke den roten Knopf auf der Fernbedienung und Béla Réthys Stimme verstummt. War es das wert? Nur noch ein Tag und ich hätte es gepackt, zehn Tage ohne moderne Kommunikationsmedien zu leben. Nun sitze ich da und starre auf den schwarzen Bildschirm. Dortmund ohne Durchhaltevermögen. Ich ohne Durchhaltevermögen. Aber der Reihe nach.

Es ist Donnerstag als ich beschließe mein kleines Experiment zu starten. Zehn Tage ohne Telefon, Computer, Fernseher und Musik zu leben. Meine Recherchen ergeben: Wenn ich dem Durchschnitt der deutschen Bevölkerung entspräche, hätte ich nun täglich sieben Stunden mehr Zeit zur Verfügung. Wie werde ich die Zeit nutzen? Werde ich zur Ruhe kommen oder wird der Selbstversuch in beklemmender Einsamkeit enden?

 

Es ist still. Ich gieße mir Milch über meine Cornflakes. Ein grauer Tag. Vereinzelnd hört man Vogelgezwitscher. Normalerweise höre ich in solchen Momenten Musik. Heute ist es anders, ich lebe nun abstinent. 

 

 

Die U-Bahn ist überfüllt, wie jeden Morgen. Es riecht nach Schweiß und billigem Parfüm. Eingekeilt zwischen Menschen flackern Smartphones. Die Köpfe der meisten Personen gehen in Richtung ihrer mobilen Helfer. „Suche im Stehen festen Halt“, prangt auf einem Schild über der U-Bahn-Tür. Ein Balanceakt zwischen Tippen und Nicht-Umfallen, den viele der Passagiere perfekt beherrschen. Gleichzeitig vernehme ich dumpf Deutschrap aus den überdimensionierten Kopfhörern des Blaumannträgers neben mir.

Eine halbe Stunde später verlasse ich die U-Bahn in Richtung Uni. „Bin ich pünktlich?“ Meine Hand gleitet in die Hosentasche. Kein Handy. Schock! Es dauert einige Sekunden bis ich begriffen habe, dass ich mein Handy aus Sicherheitsgründen zuhause gelassen habe. Noch neun Tage wird es dort liegen.

Am Abend fahre ich mit einem Freund nach Ludwigsburg auf ein Festival. Es war lang vor dem Entschluss, „Technik zu fasten“, geplant und ich beschließe, es okay zu finden, handgemachte Musik zu hören. Fünf Stunden Fahrt. Ich beginne die untergehende Sonne im Kopf mit Instagram zu bearbeiten. Ich komme mir dumm vor. Wie ein Radfahrer ohne Fahrrad. Ein Fallschirmspringer ohne Fallschirm. Reiß dich zusammen, sage ich zu mir selbst. Immerhin ist dein Hobby ja nicht Bildbearbeitung.

Die Bundesligaergebnisse des letzten Spieltags erfahre ich von unserer freundlichen Rezeptionistin. Mittlerweile ist es abends. Die Club-Suche gestaltet sich ohne Internet denkbar schwierig. Die Rezeptionistin nennt einen Club namens „Muttermund“. Wir beschließen den „Muttermund“ nicht mit unserer Anwesenheit zu beglücken und fahren nach Stuttgart. „Wo ist die verdammte Feiermeile?“ Ohne Google Maps eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Ich frage zwei Mädchen: “Hallo, ich komme nicht von hier...“ Sie grinsen mich an. Mir wird bewusst wie ich geklungen haben muss. Wie ein Siebtklässler bei den ersten Flirtversuchen. Ich vermisse mein Handy.

 

Den Rest des Wochenendes verbringe ich damit, immer dann eine zu rauchen, wenn ich mir mal wieder auf der Suche nach meinem Handy in die Hosentasche greife. 

 

 

Montag, ein Feiertag. Kein Tag für Menschen, die sich der modernen Technik entsagt haben. Nicht mal Post kommt an einem Feiertag. Meine Mitbewohnerin ist den ganzen Tag nicht zuhause. Es ist wahnsinnig still. Ich komme mir vor wie Will Smith in „I am legend“. Doch der hatte wenigstens einen Hund und war nicht ganz alleine. Ich überlege mir weiter Filme, die Einsamkeit als Thema haben. Cast Away, 7 Jahre in Tibet und der Große Gatsby fallen mir ein.

Ich schneide Buchstaben aus Reklamen aus, um sie in gewiefter Verbrechermanier neu zusammenzusetzen. Neun Stunden vergehen so.

 

Endlich wieder Uni. Ich singe mir selbst Lieder von Simon & Garfunkel zum Frühstück. In der U-Bahn quetsche ich mein Taschenbuch zwischen mich und die umherstehenden Personen. In der Uni werde ich gefühlte tausendmal gefragt: „Wie läuft es so ohne Technik“? Meine Antworten fallen jedes Mal knapp aus und die Fragenden drehen sich wieder zurück zu ihren Bildschirmen, um auf Facebook zu recherchieren.

Ich habe drei Freistunden. Ich beschließe kurz zur Post zu gehen. Aber meine Beine tragen mich in einen auf dem Weg liegenden Elektromarkt. Ich begutachte die Fernsehgeräte und wimmle unterdessen drei Verkäufer ab, die sich erdreisten mir Hilfe anzubieten. Jedes Mal sage ich ihnen: „Danke, ich schaue nur.“ Und wirklich, das tue ich fast eine Stunde. Ein schlechter 3D-Film über Seelöwen, mittlerweile genug um mich zufriedenzustellen.

Nach der Uni beginne ich wieder mit meinem neu entdeckten Hobby, dem Basteln, und bitte währenddessen meine Mitbewohnerin, sie möge ihre Musik doch etwas lauter drehen.

Der nächste Morgen. Ich erhalte zwei Briefe. Einer von einem guten Freund. Er erkundigt sich, wie es so läuft ohne Anschluss an die Außenwelt und zwischen den Zeilen liest man seine Bewunderung heraus. Ich antworte ihm auf drei Seiten, denn Zeit habe ich genug. Der zweite Brief ist vom Bafögamt. Ich möge doch meinen neuen Antrag ausfüllen - online. Ich bin kurz davor dort anzurufen und mich zu beschweren, dass das nicht auch handschriftlich geht. Als ich den Hörer bereits in der Hand halte, bemerke ich, dass ich ja gar nicht telefonieren darf, und begebe mich zurück zum Basteln. Aktueller Stand: Drei verbrauchte Klebestifte.

 

Etwas später stehe ich mit zwei übergroßen Bilderrahmen von Ikea in der U-Bahn. Die neu geschaffene Kunst soll ja schließlich gebührend verpackt sein. Alle Passagiere sind mit ihren Handys zugange. Ich ärgere mich, nicht beachtet zu werden.

 

 

Es ist bereits Freitag, ich stehe am Bahnhof und warte auf eine Freundin, die mich übers Wochenende besuchen kommt. Warten ohne Musik und ohne Smartphone. Gut, dass ich das Rauchen noch nicht aufgegeben habe, denke ich mir und nehme einen kräftigen Zug in der sechs Quadratmeter großen, gelb gekennzeichneten Raucherfläche auf dem Bahnsteig. Der Zug ist glücklicherweise pünktlich. Ich hätte nicht gewusst, was ich getan hätte, wenn der Zug nicht gekommen wäre. Ich beschließe, gleich am Sonntag meine Mutter zu fragen, wie das denn damals war, so ganz ohne Handy und Internet. Wie hat man sich verabredet?

 

Samstag 20.45. Ich bin einer von 22 Millionen Deutschen, die vor dem Fernseher sitzen und das Champions-League Finale schauen. Ich genieße das Spiel, doch als der Fernseher nach dem Robben-Tor verstummt, weicht der Genuss der Selbstverachtung. Die letzten Tage habe ich so viel Hochachtung für mein Experiment erfahren, obwohl jene Lebensart ja vor 10 bis 20 Jahren noch gang und gäbe war und nun bin ich 24 Stunden zu früh gescheitert.

Sonntag schaue ich in meinen Mail-Eingang. Ich soll Viagra kaufen und Amazon hat Bücher, die mich interessieren könnten, um 20 Prozent reduziert, heißt es dort.

 

Ich rufe meine Mutter an und frage nicht, wie es damals war, sondern gratuliere ihr zu ihrer unbeschwerten Jugend. 

 

by Jan Werum