Folter im Auftrag der Krankenkassen

 

Die Ruhe vor dem Sturm. Hier sitze ich auf meinem spärlich gepolsterten Stuhl in einem Zimmer, das kaum größer ist als ein handelsübliches Badezimmer. Es riecht nach Desinfektionsmittel. Panoramabilder der New Yorker Skyline grinsen bedrohlich von den sandfarbenen Wänden.

 

Der absolute Klassiker jedes Wartezimmers
Der absolute Klassiker jedes Wartezimmers

Bis auf das vereinzelte Räuspern eines in die Tage gekommen Mannes ist es ruhig. Zu ruhig. Verkrampft halte ich die ADAC-Zeitschrift von vor sieben Monaten in meinen Händen und versuche mich auf den Artikel über den jetzt schon nicht mehr ganz neuen Ford Focus zu konzentrieren. Es gelingt mir nicht. Ich überlege mir Synonyme für „foltern“. Drangsalieren, quälen, plagen, terrorisieren, schinden, misshandeln, peinigen, zwingen, bedrohen, tyrannisieren, verängstigen, lynchen, schlagen, verletzten, provozieren. Gerade als ich bei malträtieren angelangt bin, knistert es aus dem weißen Lautsprecher an der Decke. Eine weibliche Stimme befiehlt mir, mich in Zimmer drei zu begeben. Ich gehorche. In Zimmer drei wartet ein elektronischer Stuhl auf mich. Die gesamte Farbauswahl des Raums erinnert stark an die DDR. Überall liegen Gerätschaften, die auch ohne Weiteres in einen Sadomaso-Club im Herzen St. Paulis passen würden. Zeit verstreicht, während ich mir Schweißperlen von der Stirn streiche. „Streichen“, das war das Wort, welches ich hätte befolgen sollen. „Den Termin streichen“. Nun war es zu spät und ich hatte die Nase gestrichen voll. Nach zehn Minuten betrat eine Arzthelferin mit Karteikarten in der Hand den Raum. Ich wusste schon, dass sie quasi für das Vorspiel zuständig war. Sie befahl mir den Mund zu öffnen. Ich folgte ihrer Anweisung. Nun wurde ich über die Handhabung der Zahnseide belehrt und die Arzthelferin versuchte, an meine Disziplin zu appellieren. Dies war zum Scheiten verurteilt. Zu oft hatte ich den Zahnarzt schon als menschliches, sich schuldig fühlendes Wrack verlassen. Heute würde mich niemand brechen. Nicht heute.

Ein Gebiss bitte zum mitnehmen
Ein Gebiss bitte zum mitnehmen

Während sie mein Zahnfleisch mit einer Miniatur-Sense drangsalierte, sagte sie, dass der Doktor bald kommen werde. Ich wollte zur Milchglastür schauen, doch man hatte den Stuhl extra so gebaut, dass es unmöglich war die Tür zu beobachten. Somit war die Ankunft des Henkers eine große Überraschung. Als die Arzthelferin gerade damit fertig war, meine Ohren mit einer schrecklich klingenden Poliermaschine zu belästigen, erschien er in der Tür. Er war ganz in Weiß gekleidet. Kurz dachte ich, Gott stünde vor mir, aber dann fiel mir wieder ein, wie oft ich bereits auf diese kongeniale Masche hereingefallen war. Sein Händedruck war fest und bestimmt. Ich schaute ihm nicht in die Augen, denn vielleicht würde ich sterben, so wie, wenn man dem Basilisk aus Harry Potter in die Augen schaut.

Wiederrum hatte ich meinen bereits bis zum Limit geschundenen Mund zu öffnen. Da ich kein Privatpatient war, legte Dr. Gott den Turbo ein und stellte rasch eine Diagnose: „Die beiden Weisheitszähne oben müssen raus. Das ist keine große Sache, müssen wir nur kurz links und rechts rausknacken“. Sagte er eben knacken? Ich bin kein Kommunikationsforscher, aber das Wort „knacken“ dürfte man wohl kaum auf einem Zahnärztekongress lernen.

Nun kommen wir zur letzten Kategorie unserer Tagung. Wir küren nun das patientenfreundlichste Wort des Jahres.“ Trommelwirbel setzt ein. „Es ist knacken!“

Wie ich da so auf meinem Erich-Honecker-Gedächtnisstuhl saß, wäre mir fast etwas passiert, dass sich zwar auf „knacken“ reimt, aber nur sehr entfernt damit zu tun hat.

Der Arzt - immer noch bester Laune - verabschiedete mich und befahl mir nochmals mit herrschaftlichem Ton, ich sollte doch Zahnseide benutzen. Ich meine mich zu erinnern, dass er mit einer Zombieinvasion oder so drohte.

Um die Geschichte zu Ende zu bringen: Ich vereinbarte keinen weiteren Darkroom-Termin und ging erleichtert nach Hause. Wieder einmal hatte ich dem Tod ins Auge geblickt und wieder einmal hatte ich überlebt. Es wird Zeit, dass die Medien aufwachen und nicht nur über die schrecklichen menschenverachtenden Foltermethoden aus US-Gefängnissen berichten, denn gefoltert wird auch hierzulande. Jeden Tag !

 

Text: Jan Werum Bilder: piqs.de