Die Weltstadt namens Elster

 

Internationaler Fußball, wie geil ist das denn bitte? Nach nur einer Reise in die rumänische Gasmetropole waren die Mainzer wieder auf dem Boden der Tatsachen angelangt.

Müssen wir jetzt den Europakreisel in „Provinzkreisel“ umbenennen? Die selbsternannte Weltstadt vom Rhein war wieder dort, wo sie hingehörte und trieb wie gehabt in provinziellem Fahrwasser. Anders als in anderen Städten ist Geld noch nicht alles, denn Mainzer sagen spöttisch über die gehetzten Workaholics vom Main: „Wenn Zeit Geld ist. Sind Geldautomaten dann Zeitmaschinen?“

 

 

Trotzdem bedarf es auch in der schönen Stadt am Rhein der Geldautomaten. Denn das jährliche Spiel der Fahrpreiserhöhungen ging auch dieses Jahr in eine neue Runde und nun kommt der ehrliche Mainzer Bürger in den Genuss 2,50€ für eine einfache Fahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu berappen. Der Mainzer ärgert sich nicht, denn wer Weltstadt sein will, soll gefälligst auch Preise wie in München bezahlen müssen. Dass das Streckennetz in der bayrischen Landeshauptstadt tausendmal größer ist und schon wieder alte, eigentlich noch fahrtüchtige Straßenbahnen durch neue ersetzt wurden, tangiert ihn dabei nur sehr peripher -  frei nach dem Motto: „Wer Weltstadt sein will, muss leiden.“ In seiner Lieblingsjahreszeit wird der Mainzer dann den Griechen Tipps geben wie: „Lasst euch sagen, liebe Griechen. Lasst den Euro Euro sein. Kauft MVG-Karten en masse, denn nur mit der MVG macht Inflation auch wieder Spaß“.

Manchmal wache ich schweißgebadet auf von meinem immer wiederkehrenden Albtraum. Ich träume davon, dass ich den mürrischen Busfahrer um eine Fahrkarte bitte, mein Kleingeld aus der Hosentasche buddle und der Busfahrer mich nur kopfschüttelnd anschnauzt, dass ab diesem Jahr nur noch skandinavische Wertpapiere als Zahlungsmittel akzeptiert werden. Heute morgen wurde mein Traum real. Der Fahrer bat mich für meine Kurzstrecke zwei Feinunzen Gold zu bezahlen. Als guter Mainzer zahlte ich den Preis, obgleich ich ein wenig perplex war.

Allerdings sollte man als Mainzer immer 3-4 Feinunzen Gold bei sich tragen - spätestens seit ein berühmter amerikanischer Kaffeeröster seine Pforten am Hauptbahnhof geöffnet hat. Jeden Morgen steht er in der Schlange und lässt die verwirrenden Begriffe wie „Venti“ oder „Grande“ auf sich einprasseln. Etwas beschämt zahlt er dann, denn der Mainzer weiß, mit seiner Mocca-Latte hätte er einem afrikanischen Waisenkind eine Schuluniform kaufen können.  

 

Mainzer sind Elstern. Sobald etwas blinkt oder auch nur halbwegs exklusiv aussieht, rennt der Mainzer hin. Neues Mainzer-Motto: „Mainz, wie es funkelt und blinkt.“ Immer neue schicke Absteigen schießen wie nordkoreanische Atompilze aus dem Boden. Hier ein Starclub, da ein Vapiano, dort ein Jack und Jones und wie sieht es eigentlich mit einem neuen Stadion aus oder vielleicht doch das Gebiet rund um Karstadt abreißen und eine Mall mit den Maßen von Luxemburg zusammenzimmern? Glänzen würde sie ja!

Das einzige, was wirklich hilft, um „Schnorr-Beutel“ und der neuen, hippen  Mainzer-Weltstadtmasse zu entkommen, ist: noch einmal bei Null anfangen. Tausche Kind und Kegel gegen einen Einzelfahrschein. Fahre in die Stadt und entdecke deine Stadt neu. Behandle sie so, als ob du sie nicht kennen würdest. Schnell wirst du merken, dass es sich bei Mainz nicht um eine Weltstadt handelt. (Oder welcher Weltstadtbürger fährt schon mit dem Fahrrad durch Felder zur Bundesliga?)

 

„Keine Weltstadt und das ist auch gut so“. Schließlich wird man so einfach keine Weltstadt finden, in der man auf einem Kinodach bei Sonnenaufgang nach Lust und Laune frühstücken kann. Man wird auch keine Weltstadt finden, in der man so beharrlich am Wasser sitzen kann, um vom Meer zu träumen. Man wird auch keine Weltstadt finden, die so unverdient im Bundesliga-Abstiegskampf steckt. Man wird auch keine Weltstadt finden, in der Gutenberg Guttenberg geholfen hat, indem er copy and paste erst ermöglichte und ohne die das Lesen dieses gedruckten Textes heute vielleicht nicht möglich wäre. Ich mag mein Mainz, möge es blinken, funkeln und blitzen, so viel es will. Bin ich an Weihnachten auf dem Mainzer Weihnachtsmarkt und werde um halb neun nachhause geschickt, dann weiß ich: „ Mainz du bist keine Lady von Welt. Ja, du magst zwar Partnerstädte in Europa haben, dennoch heißt es Landeshauptstadt und nicht Welthauptstadt. Welthauptstadt, das haben wir Deutschen schon einmal versucht und es hat gezeigt, dass es gar nicht mal soooooo erstrebenswert ist, aber das ist eine ganz andere Geschichte...  Mainz, du bist eine dumme, kleine und extrem lustige Elster, stürzt dich auf alles, was glänzt, um morgens in deiner Lokalpresse mit einer Salve von Rechtschreibfehlern von Glanz und Gloria zu berichten. Du bist die Edelhure unter den Landeshauptstädten und deswegen liebe ich dich.“

Text und Bilder : Jan Werum