Der Tag, an dem ich meinem Tankwart beim Onanieren ertappte

 

 

Ich sitze auf der Terrasse; mein Kaffee schmeckt alt und der Milchschaum ist mehr ein Schäumchen als ein Schaum. Lustlos rühre ich in ihm herum. Es gibt diese Tage, an denen man einfach im Bett bleiben sollte. Heute ist so einer. Nichts macht einem Spaß an solchen Tagen. Leider war ich schon aufgestanden und so blieb mir nichts anders übrig als den Tag irgendwie zu killen und an meinem erbärmlichen Versuch eines Cappuccinos zu nuckeln. Alles war irgendwie doof, obwohl es von außen betrachtet ein wohl echt schöner Sommertag hätte sein können.

Ich beschließe eine Liste mit allen Dingen, die ich hasse, anzufertigen.

Punkt 1. Ich hasse es, dass bei REAL das Toastbrot in der Regalreihe „Nährmittel“ steht. Warum steht das Toastbrot nicht einfach wie das normale Brot in der Abteilung „Brot“? Es heißt ja schließlich nicht „Toastnährmittel“, sondern „Toastbrot“.

Punkt 2. Ich hasse es, wenn ich an einer Ampel anhalten muss und nur eine Person über die Ampel geht und einen dabei hämisch durch die Windschutzscheibe angrinst.

Das ist die Art von Menschen, denen ich nach einer schmerzhaften Trennung Taschentücher der Lidl-Marke „Solo“ vor die Haustüre lege, klingele und abhaue.

Wo wir schon beim Thema „lustige Markennamen“ sind: mir ist aufgefallen, dass bei Kaisers die Hausmarke „Jeden Tag“ heißt und das Klopapier folglich „Jeden Tag Klopapier“. Die haben auch „Jeden Tag Tafelsalz“ und „Jeden Tag Hackfleisch“. Ein ziemlich lustiger Laden dieser Kaisers, finde ich, und ziehe an meiner Zigarette.

Punkt 3. Ich hasse Straßenbahnfahrer, deren Lebensmotto scheinbar ist: „je voller die Bahn, umso ruppiger wird gefahren“. Aber generell Straßenbahnen... Im Sommer ist es immer am schlimmsten, wenn alle nach altem Schweiß stinken und wenn man, kaum dass man etwas anfasst, das Gefühl hat, es klebe ne halbe Tube Pattex an den Händen.

Punkt 4. Ich hasse es, dass in allen halbwegs angesagten Clubs nur noch Zigarettenautomaten von einer Sorte stehen. Meistens von Marlboro. Nicht nur, dass Marboros meistens so schmecken, als könnte man genauso gut eine ganz Douglas-Filiale rauchen, nein; zusätzlich sind diese Automaten für einen auch nur leicht Angetrunkenen kaum bedienbar. Hat man sich endlich mal auf dem bakterienverseuchten Touchscreen zurecht gefunden, steht da auf einmal „Möchten sie dieMarlboro erleben?“. „Klar“, denkt man sich und hofft die Maschine spuckt endlich mal die Zigaretten aus. Schmerzlich muss man dann feststellen, dass Erleben lediglich bedeutet, dass der beschissene (wenn auch sehr schicke) Automat nun ein Video von rauchenden Cowboys abspielt und wahrhaftig keinerlei Zigaretten aus seinem Schlund kommen. Ich merke, wie ich schon wieder hohen Blutdruck bekomme und gehe ins Wohnzimmer, um ein wenig Fernsehen zu schauen. Das soll ja beruhigen, wenn man nicht gerade frustrierte Teenie-Mütter auf RTL2 anguckt.

Um es kurz zu machen: Fernsehen beruhigt gar nicht. Schon gar nicht Markus Lanz. Zu Gast ist eine angeblich 81 jährige Dame, scheinbar prominent. Mir sagt sie nichts, aber das ist im deutschen Fernsehen ja oft so mit den Promis. Kein Schwein kennt sie, aber wenn man sie dann erstmal in zwei, drei Sendungen gesehen hat, denkt man langsam wirklich, sie wären prominent, obwohl sie vermutlich nichts geleistet haben.

Das ist alles viel zu frustrierend.

Mache mit Punkt 6. weiter: Ich hasse Leute, die eine Minute nach 0 Uhr bereits alles, was eben noch passiert ist, mit Gestern umschreiben. „Weißt du noch die Cocktails gestern?“ „Du meinst eben“. „Nein, gestern!“ Das sind die schlimmsten Klugscheißer und man sollte sie sofort alle aus seinem Leben, also Facebook, löschen. Das sind dieselben Personen, die auch nach einem feier-intensiven Wochenende montags um die Rückgabe von 70 Cent von dem Bier aus Bar XY bitten. Alle löschen. Sperren, löschen, töten, einäschern und die Asche in einen Piranhateich werfen.

Die 81- jährige Lanz-Prominenz redet mittlerweile darüber, dass sie sich ja nie an Gesellschaftszwänge gehalten hat und immer ihr Ding durchgezogen hat. Der Schönheitsdok ihres Vertrauens scheint aber auch ein paar Fäden durch ihr Gesicht gezogen zu haben; sie hat die Visage einer Jugendlichen. Eben gar nicht den gesellschaftlichen Zwängen unterlegen. Sie redet von ihrem keltischen Steinkreis, den sie sich zuhause hat erbauen lassen und lädt die mal wieder supernervige Charlotte Roche und die anderen C-Promis auf eine Lichtreise ein. Die Reise ist grauenhaft. Und wieder einmal hat es das deutsche Fernsehen geschafft, Religion und Spiritualität ins absolut Lächerliche zu ziehen. Darauf gönne ich mir erstmal ein Bier.

Es scheint eh Mode geworden zu sein, Religionen durch den Dreck zu ziehen und kommerziell auszuschlachten. Früher hat man Kohle mit Ablassbriefen gemacht - heute mit Maria-Holzarmbändern und Farbbeutel-Festivals, die wie Pilze aus dem Boden schießen. Jedes Kuhkaff hat inzwischen sein eigenes Farbfestival und die Horden kommen in Heerscharen. Ein ganz fantastischer Weg, alte indische Traditionen zu zerstören. Und das Ganze ist auch noch super massenkompatibel. Fantastisch!

Plötzlich stelle ich mein Bier ab. Es schmeckt nicht mehr, denn mir ist der Bier-Einkauf von heute morgen wieder eingefallen.

Das Ganze lief so:

Ich betrete die Tankstelle. Nichts Außergewöhnliches soweit, wird der gewiefte Leser jetzt sagen. Dem ist nur zu entgegnen: Ja, nichts Außergewöhnliches, wäre das Tankstellenhäuschen nicht völlig leer gewesen. Wäre der Tankwart nicht völlig verschwitzt und mit hochrotem Kopf aus der Hintertür gekommen und hätte der Tankwart nicht eine Küchenrolle in der Linken und in der rechten den Playboy getragen.

Eigentlich mag ich meinen Tankwart und es ekelte mich nicht wirklich, dass er das Magazin mit den leicht- oder auch gar nicht bekleideten Bunnys zurück in die Zeitschriftenwand einsortierte. Übel nahm ich ihm nur, das er mein Bier mit seinen sündhaften Händen anfasste und das Rückgeld gerade zu in seinen Händen massierte, als sei es ein Hefeteig, der noch gut durchgeknetet werden müsse. Rückgeld und Bier nahm ich nur widerwillig an.

 

Immerhin bin ich nun um eine Weisheit reicher, während Lanz einmal mehr einen Witz macht, den wohl nur er verstanden hat, sinniere ich: "Wenn der Tankwart deines Vertrauens sich morgens die Fleischpeitsche poliert, ist der Tag im Eimer."

 

Bild und Text: Jan Werum