Der Hassprediger 

 

 Justus wusste bereits beim Aufstehen, dass der Tag Scheiße werden würde, doch heute würde er sich nicht damit abfinden. Er würde in die Schlacht ziehen und mit Kartätschen in die Menge feuern. 

Das Omelett klebte ganz fürchterlich an der Pfanne. Justus raste vor Wut, griff zum Telefon und rief bei der gebührenpflichtigen Hotline des Pfannenherstellers an. Schuberts Winterreise schepperte hohl klingend durch die Hörmuschel.

 

Es dauerte etwa so lange wie eine Überfahrt von Belgien nach Amerika im Tretboot, bis schließlich eine Stimme mit indischem Akzent den Hörer abnahm. Der Inder hatte kaum den Herstellernamen genannt, dann brach es schon wie ein aggressiver Hornissenschwarm über ihn her: „Warum klebt mein Scheißomelett an ihrer verfickten Teflonpfanne?“ Der Inder versuchte, Justus zu beruhigen, doch es war seiner unsicheren Stimme deutlich anzumerken, dass er sich fühlte, als hätte er eine Kuh verschluckt. „Mein Scheißomelett klebt hier hartnäckiger als Putin an seinem verhurten Thron und überhaupt: wie hält überhaupt das Teflon an ihrer dämlichen Pfanne, wenn in der Anleitung steht, das Teflon unanklebar sei?“  Der Inder stotterte aufgeregt etwas von „Spezialklebstoff“ und „Garantie“, doch Justus hatte genug gehört und legte wütend auf, ohne dem armen Inder auch nur einen bescheuerten „Rosen-Witz“ an den Kopf geworfen zu haben. Justus kratze das Omelett aus der Pfanne und ging eine rauchen. Es dauerte keine fünf Minuten, bis ihm ein fette Amsel auf seine Kippenpackung schiss. Er versuchte, ruhig zu bleiben und rauchte seine Zigarette zu Ende, als sei nichts passiert. Doch die Wut quoll in ihm empor wie in Joschka Fischer in dessen besten Jahren. Sollte er zu Herrn Rudolf gehen, seinem Nachbarn, und sich sein Gewehr ausleihen? Er ließ es, denn er hatte keine Lust sich von dem alten Nazi schon wieder anzuhören, dass der Holocaust nie stattgefunden hätte. „Sonntage sind Ägyptens achte Plage“, dachte Justus, öffnete das Wohnzimmerfenster und schrie so, dass es die ganze Straße hören konnte: „Ihr werdet alle sterben!“. Herr Götje, der Ober-Hitler unter den Nachbarn, schreckte erschrocken auf. Er war gerade dabei, den öffentlichen Parkplatz vor seinem Haus mit neuen Begrenzungslinien zu versehen. Der Raum zwischen den alten ausgebleichten Linien war dem alten Herrn wohl zu klein geworden und so beschloss er an jenem Sonntag,  Polen still und heimlich zu seinem Reichsparkplatz hinzuzufügen. 

 

 

Justus hatte genug gesehen. Das war nicht der Ort, an dem er diesen Sonntag verbringen wollte. Eher würde er zulassen, dass ihm bei RTL Schabracken Spaghetti-Bolognese von seinem Bauch fressen würden. Ab zu Facebook, dem Poesiealbum der Langzeitpubertierenden . Hier würde sich schon jemand finden, dachte Justus, doch weit gefehlt. Niemand hatte Zeit für ihn. Stattdessen nur Hunderte von Kommentaren, Bildern und Posts. Allesamt über irgendeine gequirlte Scheiße. Sabrina hatte bei einer Umfrage angegeben, dass sie zwischen 120-140cm sei. Super lustig,  eine falsche Antwort bei einer hirnrissigen Facebookumfrage anzugeben!  Das hatte ja fast Mirja-Boes-Niveau! Die anderen Posts waren nicht minder unnötig. Motto des Tages schien gewesen zu sein:  „Dummheit jagt Nonsens“.

 

Die folgenden 10 Posts

 

-Sebastian via Facebook-Handy in der Nähe von Salzgitter: „kalt!!“

-Paula findet „Märchen sind immer so märchenhaft schön“.

-Eric ist mit 3 weiteren Personen hier: „Aral-Tankstelle und Servicestop“

-Lisa ist „genervt, krank und müde“

-Peter schreibt offenkundig von seiner Motivation für Arbeit: „Arbeiten -.-“ 

-Elisa ist mit Tom hier: „Im Bettchen kuscheln“

-Sina hört auf „Spotify“ Lady Gaga 

-Die Ärzte kündigen einen Nachholtermin für das ausgefallene Konzert in Bremen an

-Ali postet ein Spiegel-Bild und fragt wie seine neue lila Strähne ankommt

-Anabelle postet: „:(„ und erhält von Tina daraufhin „<3<3<3<3<3“)

 

Justus aktivierte einen neuen Facebook-Account mit dem Namen „China“ und verkündete seinen 342 Freuden, dass ein Sack Reis umgefallen sei. Nachdem er sich noch kurz über alle aufregte, die posten, dass andere soviel über etwas Bestimmtes Posten würden, beendete er Facebook. 

Letzte Rettung war nun das Fernsehprogramm, aber wer schon einmal an einem Sonntagmittag den Fernseher angeschmissen hat, der weiß: auf den Öffentlichen wird gekocht und gereist ; auf den Nachrichtensendern bricht zum tausendsten Mal der Zweite Weltkrieg aus und die Privaten zeigen die Filme vom Vorabend in gähnender Dauerschleife - serviert mit einigen Frachterladungen Werbung. 

Aufgrund des hohen Frustrationsfaktors und der Perspektivlosigkeit des Sonntags beschloss Justus,  schlafen zu gehen. Es würden auch wieder bessere Tage kommen mit weniger lila Strähnen, weniger Servicestopps und weniger Teflon.

Er legte  Schuberts Winterreise auf und träumte von Indien, einem Land ohne Privatfernsehen, Facebook und Gartennazis, so dachte er. Gleich morgen würde er sich bei Fissler-Pfannen bewerben und dann würde er als Telefonist mal so richtig zurückgiften. Justus wurden die Augen schwer und die Lider waren gerade dabei, sich zu schließen, als die Decke seines Schlafzimmers anfing, sich bläulich zu verfärben: Spiegel Online meldete den Rücktritt Putins. 

„Das Omelett klebt nicht mehr“, dachte Justus freudestrahlend. Die Nazi-Nachbarn begannen geschockt an ihrem Traum von Europas letzter Diktatur zu zweifeln. Im Fernsehen begannen reihenweise Köche ihre Löffel für Russland-Sondersendungen niederzulegen. Bei Facebook waren plötzlich politisch wertvolle Kommentare zu lesen und die achte Plage Ägyptens ging über in ein versöhnliches Ende eines Tages, der schon fast verloren schien. 

 

Du sollst den Tag nicht vor dem Abend loben, aber genauso wenig solltest du ihn vor dem Abend verfluchen oder,  um es in meiner Lieblingssprache, der N24-Sprache,  auszudrücken: „Ein Unglück resultiert aus einer Kette von Zufällen“. Doch Glück kann von einer kleinen Sache ausgelöst werden und man sollte nicht versuchen, das Glück des anderen zu bewerten. Mein Glück ist der Sieg der Demokratie, doch für dich mag es Lady Gaga auf Spotify sein. Es ist okay so!