Das ist doch Müll


Eine nicht ungewöhnliches Szenario: ich döse und spiele mit meinem Handy, während mein Lehrer wie gewöhnlich über Gendrift, Mutation, Separation und Veränderung des Erbgutes zu sprechen pflegt. Plötzlich brüllt er mich barsch an: „Das ist doch Müll, Jan!“ Doch das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und beginne sofort damit ihm auf gleichfalls rigorose Art und Weise zu widersprechen. „Nein, das ist Elektroschrott! Er besteht zu 58 Prozent  aus Thermoplast,  ABS-PC,Silikon und PVC, zu 16 Prozent aus Keramik,  zu 15 Prozent aus  Kupfer,  zu 3 Prozent aus Eisen,  zu einem Prozent aus  Flammschutzmittel,  zu einem Prozent aus Nickel,  zu einem Prozent  aus Zinn und zu weniger als einem Prozent aus  Aluminium, Galliumarsenid, Gold, Mangan, Palladium, Silber, Tantal.“ 

Mein Lehrer guckt mich an wie ein Auto. Anscheinend war mit seiner Separation nicht Mülltrennung gemeint. Mir selbst ist meine Antwort auch unangenehm und  - zugegeben -  ich fühle mich beschämt wie der Papst im Puff. Allerdings kann ich nichts für meine Dreistigkeit, denn ich bin deutsch von Kopf bis Fuß. Ich bin zum Mülltrennen verdammt, verdonnert und getrimmt worden. 


In Berlin ist sogar der Müll cool.
In Berlin ist sogar der Müll cool.

 

„Du bist Deutschland!“ Was für eine patriotische, beflügelnde Werbung! Balsam für die geschundene, deutsche Seele. Aber müsste es nicht viel eher heißen: Du bist „Vorbild“ , „Arsch“ oder auch „Mülltrenner“?

Ich trenne jeden Tag Müll. Es fängt Morgens an, indem ich das Papieretikett von meinem Joghurtbecher ablöse, um das Plastik des Bechers separiert von dem aus Papier gefertigtem Etikett entsorgen zu können. Nach dem Essen des Joghurts spüle ich den Becher selbstverständlich aus, denn der arme Müll soll ja nicht schimmeln oder dergleichen. Ich nehme mein nachfüllbares Feuerzeug, befülle es und gehe auf die Terrasse, um mich bei der morgendlichen Zigarette von all der Trennerei zu erholen. Ich ziehe eine neue Packung Gauloises Blau aus meiner Hosentasche und siehe da:  Plastik, Alu, Pappe! Genervt und in Protestlaune schmeiße ich die Packung ungetrennt und naturbelassen, so wie der Gauloises-Gott sie schuf, in den Bioabfall.

Warum soll ich meinen Müll trennen und den Castor stoppen, wenn der Rest nichts macht? Ach nein, stimmt ja gar nicht. Der Rest macht ja was. Die Chinesen bauen gerade - fleißig wie die Bienen -  an 27 neuen Atomkraftwerken. Der Amerikaner lacht derweil nur müde, denn sein Land nennt bereits 104 der atomaren Brutkammern sein Eigen. 

Darf ich als artiger, deutscher Bundesbürger nicht auch mal rebellieren und meine Banane mit Chiquita-Aufkleber in den Müll schmeißen? Muss ich wirklich zwischen 17 verschiedenen Müllarten unterscheiden, während der Amerikaner seinen Elektroschrott nach Afrika schifft, weil er sagt „black people have aids anyway, so what´s wrong about them licking mercury?“ Manchmal glaube ich, der Amerikaner liebt es nicht, um Ecken zu denken. Produziert bis zum Umkippen Plastiktüten, die,  wie wir alle wissen, Erdöl benötigen. Verbrennt die alten Tüten anstatt sie zu recyceln und macht sich auf in den Nahen Osten, um für neues Öl zu kämpfen. Das ist, als würde  Bayern München vor Gericht nachträglich für einen Sieg kämpfen anstatt im Spiel gegen den unterklassigen Gegner gekämpft zu haben. In der Weihnachtszeit setzt sich der Amerikaner dann gerne auf seine gediegene Ledercouch und schaut Charity-Shows. Hier sieht er riesige Müllberge voller Elektroschrott, in denen kleine, abgemagerte Kinder in der giftigen Masse nach Brauchbarem suchen. Und dann spendet der Amerikaner, denn einmal im Jahr 50 Dollars tun nicht so weh wie täglich recyceln. Wieso auch? Nur 6,6 Prozent des weltweiten Mülls wurden 2006 recycelt.

„Jan, warum musst du immer auf den armen Amerikanern rumreiten?“ „Weil das meistverkaufte Auto in den USA ein Ford-F150 Truck ist, dessen kleinster Motor 202 PS hat und ich als Deutscher muss gewissenhaft Golf fahren. Ich will auch mal frei und dumm sein!“ 

Tierisch viel Müll auf der Welt.
Tierisch viel Müll auf der Welt.

Schmeiß doch einfach mal dein altes, biederes Siemens-Handy in Deutschland in den Restmüll. Im Nulllkommanichts werden Heerscharen von Schalter-, Stempel- und Ordnungsbeamten vor deiner Tür stehen. (Sie sind ja sonst nicht unbedingt für ihre Geschwindigkeit berühmt….) Ämter, deren Namen du nicht mal aus Science-Fiction-Filmen kennst, werden dich fragen, wie es soweit kommen konnte. 

Zeig ihnen einfach deinen grünen Pass mit dem Bundesadler und sie werden verstehen! Du wirst als Revolutionär für 20 Jahre eingesperrt werden. In dieser Zeit wird China weitere 203734 Atommeiler errichten; der Erfinder der Plastiktüte wird den Nobelpreis erhalten;  zu Guttenberg wird zum Kaiser gekrönt werden und die USA werden ein weiteres Dutzend Länder, ( deren Hauptstädte klingen, als habe jemand betrunken Scrabble gespielt,) angreifen. Du bist aber auch ein dummer, aufmüpfiger Bürger! Mögest du für immer in der Umwelthölle schmoren!

Text und Bilder: Jan Werum